Andreas Lienkamp

Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive (Skizze)

Da individuelle Notlagen und soziale bzw. ökonomische Probleme sowie ökologische Krisen zwar nicht vollständig aus der Welt geschafft, aber sehr wohl erforscht, angegangen und zum Teil auch überwunden werden können, kann eine von der Dignität des Menschen und dem Eigenwert der Schöpfung ausgehende Ethik gar nicht anders, als mit den von Leid und Elend - aktuell oder potenziell - Betroffenen nach (kollektiven) Subjekten, Instrumenten und Methoden zu suchen, die dabei helfen können, diejenigen Bedingungen und Strukturen zu verändern, die die Menschenwürde und -rechte bzw. den intrinsischen Wert der Natur verletzen und die natürlichen Grundlagen allen Lebens bedrohen. Darüber hinaus wird sie in präventiver Absicht dazu beizutragen versuchen, alternative Perspektiven und Modelle nachhaltiger Entwicklung zu erarbeiten. Über eine solche Veränderungsethik hinaus geht es einer Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive aber ebenso um die Verteidigung und Bewahrung individueller Freiheiten, wertvoller sozialer Strukturen und ökologischer Systeme, die ausgehöhlt oder zerstört zu werden drohen.

Ausgehend vom christlichen Glauben - als der Einheit von Bekenntnis und praktischem Zeugnis - sowie den ihm zugrundeliegenden biblischen Traditionen entdeckt eine sich so verstehende christlich perspektivierte Ethik die Untrennbarkeit von Erlösung und Befreiung der ganzen Schöpfung und darin ihre Mitverantwortung für die gerechte Gestaltung der (welt-)gesellschaftlichen Strukturen und des Verhältnisses von Mensch und Natur. Glaube ist demnach kein bloßes Für-wahr-Halten von dogmatischen Sätzen, sondern "eine Praxis in Geschichte und Gesellschaft, die sich versteht als solidarische Hoffnung auf den Gott Jesu als den Gott der Lebenden und der Toten, der alle ins Subjektsein vor seinem Angesicht ruft." (Johann Baptist Metz) Aus solchem befreienden Glauben folgt notwendig die Verpflichtung zu einem emanzipatorischen Handeln, das ein elementarer Bestandteil des christlichen Glaubens ist. Erst wenn die geglaubte Wahrheit in solcher Praxis, "die sich der Mensch etwas kosten lässt" (Franz Rosenzweig), bewa(e)hrt wird, wird der Glaube auch glaub-würdig.

Die christliche Nächstenliebe als Respekt und Wohl-Wollen gilt allen Menschen und Mitgeschöpfen ohne Ansehen der Person. Wenn es aber darum geht, was konkret zu tun ist, welche Normen, Institutionen und Strukturen wie zu gestalten sind, muss sich die christlich motivierte Liebe in ihrer praktischen Dimension als Wohl-Tun vorrangig den Armen, Benachteiligten und Nichtbeteiligten - einschließlich der nachrückenden Generationen sowie der "stimmlosen" Kreatur - zuwenden, denn sie bedürfen mehr als andere des solidarischen Einsatzes für die ihnen vorenthaltene Gerechtigkeit. Eine Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive als interdisziplinär orientierte kritische Praxisorientierung im Dialog mit den Betroffenen bzw. ihren Anwältinnen und Anwälten steht erstens im Dienst an den Menschen, der Gesellschaft und der Schöpfung, zweitens im Dienst an der kirchlichen Glaubenspraxis (sowie ihrer wissenschaftlichen Reflexion) und drittens im Dienst an Gott und seinem Wort. Dies sind allerdings weder getrennte Sphären noch Aufgaben. Sie bedingen und durchdringen sich vielmehr insofern, als jeder echte Dienst an den Menschen, der Gesellschaft und der Schöpfung zugleich Gottesdienst ist und jeder Dienst an der kirchlichen Glaubenspraxis (und ihrer wissenschaftlichen Reflexion) zugleich deren Dienst an den Menschen, der Gesellschaft und der Schöpfung fördert.

Von diesem Selbstverständnis her bemüht sich die hier vertretene Ethik um eine möglichst unvoreingenommene Wahrnehmung der Ursachen individueller Notlagen, sozialer und ökonomischer Probleme sowie ökologischer Krisen (Sehen), um deren argumentative Bewertung auf der Basis zustimmungsfähiger bzw. verallgemeinerbarer normativer Kriterien (Urteilen) sowie um die Erarbeitung realistischer Handlungsoptionen (Handeln). Dazu bedenkt sie die unvermeidbaren Interessen- und Zielkonflikte sowie die erwartbaren relevanten Folgen und Nebenfolgen der zur Wahl stehenden Handlungsalternativen, wobei auch die Unterlassung als rechtfertigungspflichtige Möglichkeit bedacht wird. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Menschen, Gruppen, Organisationen bzw. Parlamente vordringlich für die Normen, Institutionen und Strukturen verantwortlich sind und darin dann auch für die individuellen sowie kollektiven Lebensstile, Haltungen und Handlungen. Eine Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive erhält so unter den Bedingungen der Moderne einen neuen, zusätzlichen Ort ihrer Bewährung, den zu vernachlässigen gerade denjenigen schaden könnte, die am stärksten auch struktureller Verbesserungen bedürfen.

Somit den (früheren, jetzigen und potenziellen) Opfern von Leid und Ungerechtigkeit verpflichtet, hört die Ethik auf deren (oft stummen) Schrei, macht sich in kritischer Weise ihren Blickwinkel zu eigen und lässt sich vor allem von ihnen die Themen und Forschungsgegenstände "aufgeben", bemüht sich gleichzeitig aber auch selbst aktiv darum, wichtige Problemfelder aufzuspüren. Dabei wird sie (zunächst) - ohne Bevormundung - Anwältin für jene sein, die von den sie betreffenden Entscheidungsprozessen systematisch ausgeschlossen werden, also Stimme derjenigen, deren legitime Interessen unberücksichtigt bleiben. Langfristig verfolgt sie jedoch das Ziel, dass diejenigen, für die sie die Stimme erhebt, soweit wie möglich selbst zu vernehmbaren Subjekten ihres eigenen Lebens und Befreiungsprozesses werden können. Getragen von der Sorge um die Rettung der Anderen, der Armen und Ausgeschlossenen, sowie der Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung versucht eine Ethik, wie ich sie verstehe, eine praktische Antwort auf die Probleme moderner Gesellschaften und auf die Rückfrage an Gott angesichts des Leidens und der Schädigung von Mensch und Natur zu geben (Theodizee). Dabei bleibt sie sich jedoch ihrer eigenen Grenzen und ihrer Verwiesenheit auf Gottes gnadenhaftes Handeln bewusst: eines Gottes, der sich selbst als Schöpfer, Erhalter und Befreier, als Gott des Lebens, der Liebe und der Gerechtigkeit erweist und den Menschen mitteilt, wie es sich in besonderer Weise in Jesus Christus ereignet hat.